Der Lehrkörper


[…] Wenig später saß ich im Konferenzzimmer. Der Direktor, er hieß Diplom-Ingenieur Xaver Lieb, legte es mit seiner überschwänglichen Art offensichtlich darauf an, seinem Namen alle Ehre zu bereiten: Er begrüßte alle Anwesenden persönlich per Handschlag, manche wurden umarmt, anderen boxte er lausbübisch auf die Schulter, die Damen wurden sogar geküsst. „Na, dann gehen wir es also an!“, verschaffte er sich die Aufmerksamkeit der sich noch unterhaltenden Lehrerschaft, „Damit sich das Schuljahr nicht schon am ersten Tag in die Länge zu ziehen anfängt!“. Allseits Gelächter. Er eröffnete die Konferenz pünktlich auf die Minute. „Es freut mich, dass ihr alle gesund und wohlbehalten eingetroffen seid und somit heiße ich euch zur Anfangskonferenz willkommen!“, begrüßte er die Anwesenden betont herzlich. „Es freut mich weiters“, setzte er fort, „dass ich auch einen neuen Kollegen begrüßen darf, einen Junglehrer, der, wie man unschwer erkennen kann, noch nicht einmal ganz trocken hinter den Ohren ist!“. Da musste sogar ich lachen, denn den Zustand meiner Ankunft hatte er damit zumindest sehr treffend beschrieben. Allerdings fühlte ich mich nicht unbedingt als Junglehrer, denn ich arbeitete nach meinem Probejahr ja bereits seit vier Jahren halbtags als Vertragsassistent an der Uni und ich hatte mich um diese Stelle hier ja nur deswegen beworben, weil ich die mir mündlich bereits zugesicherte ganze Assistentenstelle erst im nächsten Wintersemester bekommen sollte und bis dahin noch eine Verdienstquelle benötigte. Aber das wollte ich hier besser nicht an die große Glocke hängen.
„So, lieber Kollege Gruber,“, riss mich Direktor Lieb aus meinen Gedanken, darf ich Sie bitten, sich selbst vorzustellen, nachdem es zuvor für ein ausführliches Gespräch zu knapp geworden ist!“ – „Ja, ich entschuldige mich nochmals für mein spätes Eintreffen, ich hatte leider eine Panne. Aber Herr Suppan, der Verwalter, hat mir netter Weise aus der Patsche geholfen. Tja, zu mir gibt es eigentlich nicht allzu viel zu sagen: Das ist meine erste Stelle im Schuldienst, ich bin Deutsch- und Englischlehrer. Ich arbeite halbtags als Vertragsassistent an der Uni und werde hier eine halbe Lehrverpflichtung erfüllen, ich hoffe zu aller Zufriedenheit.“ – „Sie kommen aus der Stadt?“, fragte Direktor Lieb nach. – „Mehr oder minder ja.“, sagte ich, „Ich bin am Stadtrand aufgewachsen, in Graz zur Schule gegangen und habe in Graz studiert. Wieso?“ – „Tja, nobody is perfect! Es können ja nicht alle vom Land sein!“, gab der schlagfertige Direktor zum allgemeinen Gelächter zum Besten und ging rasch wieder zur Tagesordnung über, als wollte er von etwas Peinlichem ablenken.
Der Rest der Konferenz verlief aus meiner Sicht weniger aufregend. Über Nachprüfungen wurde berichtet, routinemäßige Abstimmungen folgten, Probleme wurden erörtert, deren Vorgeschichten mir jedoch fremd waren, so dass ich bald den Faden verlor und ebenso das Interesse. Erst jetzt spürte ich, wie sehr es mich eigentlich fröstelte. Daher beschloss ich, mich zu beschäftigen, um mich abzulenken. Ich begann also meine zukünftigen Kollegen zu studieren und mir ein erstes Bild von ihnen zu machen. Zu meiner Überraschung war der Lehrkörper sehr klein. Keine zehn Kollegen saßen am Tisch. In der Schule, an der ich mein Probejahr absolviert hatte, waren es knapp hundert gewesen. Einige Charaktere fielen mir auf den ersten Blick bereits besonders auf:
Da war der Leiter der Land- und Forstwirtschaftlichen Fachschule Schloss Kleinod, Diplomingenieur Xaver Lieb. Er spielte die unumstrittene Hauptrolle in dieser Konferenz. Er war ein unterhaltsamer, extrovertierter Sanguiniker, tappte aber auch munter in jedes Fettnäpfchen, das sich ihm bot. Er war unverkennbar ein Tiroler mit Leib und Seele. Seine Aussprache war stark tirolerisch gefärbt. Wenn er „bei uns“ sagte, erkannte man meist nur aus dem Zusammenhang, ob er in der Land- und Forstwirtschaftlichen Fachschule Schloss Kleinod meinte oder in Tirol. Später erfuhr ich, dass ihn, wie er selbst sagte, das „Schicksal“, das hieß seine Heirat mit einer Steirerin, aus dem heiligen Land Tirol in die profane Steiermark verschlagen hatte. Er wirkte spontan, und war eine Stimmungskanone wie ein Tiroler Schilehrer und er erschien trotz seines ausgeprägten Temperaments sehr gutmütig. Wo Lieb war, da würde was los ein, das schien garantiert. Schnell merkte ich, dass er die Angewohnheit hatte, sich selbst Fragen zu beantworten. Ob es sich dabei jedoch um das bewusst eingesetzte, ausgefeilte Stilmittel der rhetorischen Frage handelte oder aber um eine Lehrern gemeinhin unterstellte „Berufskrankheit“, sich Fragen selbst zu beantworten, blieb unklar. Er war eher klein gewachsen, hatte eine Glatze wie ein Franziskanerpater und sah liebenswert lustig aus. Mit seinem Wortwitz und seiner lebhaften Stimme zog er jedoch wohl sofort die Aufmerksamkeit in jeder Gesellschaft auf sich.
Auch ein Pfarrer war im Lehrkörper. Er trug eine Uniform, denn er war Militärkaplan und betreute die Schule quasi nebenbei bei christlichen Feierlichkeiten und als Religionslehrer. Er musste wohl weit über sechzig sein und hatte eine tragende, feierliche Stimme, die Ehrfrucht einflößte. Er war groß und hatte schneeweißes Haar. Er war mit einem Bundesheerfahrzeug angereist und hatte sogar seinen eigenen Chauffeur, der während der Konferenz geduldig in seinem Dienstwagen auf ihn wartete. Später erfuhr ich von Kollegen, dass der Herr Militärkaplan über ein geradezu sagenhaft gutes Geschick beim Tarock spielen verfüge. Böse Zungen behaupteten sogar, dass er dabei schon so viele Seelen bekehrt haben soll, dass sogar der Teufel persönlich seine Kartenkünste fürchte. Von ihm soll der legendäre Satz stammen, „Die Verlierer sehe ich alle am Sonntag beim Gottesdienst!“
Professor Klug, den ich zuvor am Gang kennen gelernt hatte, verhielt sich in der Konferenz auffallend ruhig. Er unterrichtete alle kaufmännischen Fächer und drückte sich sehr gewählt aus. Seine Beiträge in der Diskussion verstanden sich wohl als harmonisierende Vermittlungsversuche, obgleich er es jüngere Kollegen gerne merken ließ, dass er mit seinen fünfzig Jahren, davon fünfzehn im Ausland, über bedeutend mehr Erfahrung verfügte.
Der Lehrkörper bestand mehrheitlich aus männlichen Lehrern und Erziehern, die Damen waren deutlich in der Minderzahl. Die auf den ersten Blick sowohl durch ihre mitunter fast theatralische Eloquenz als auch auf Grund ihrer eindruckvollen Rundungen hervorstechendste Dame war Frau Professor Magister Doppelhofer. Sie war über vierzig und musste in ihrer Jugend wohl eine unwiderstehliche Schönheit gewesen sein. Sie wirkte selbstbewusst und hatte im Lehrkörper offensichtlich eine ziemlich große Anhängerschar um sich bzw. hinter sich vereint. Wenn sie sich zu Wort meldete, wurden selbst die müdesten Kollegen munter und nickten beifällig. Ich konnte mir nicht helfen, irgendwie erinnerte sie mich stark an die Primadonna in einer italienischen Oper, die ich vor einiger Zeit gesehen hatte. Ob sie auch so singen konnte?
Drei weitere Kollegen fielen mir von Anfang an auf: Ingenieur Adalbert Zangl zum Beispiel schien offensichtlich davon überzeugt zu sein, nicht nur alles zu wissen, sondern auch alles immer besser zu wissen als die anderen Anwesenden. Widersprach man ihm, reagierte er verärgert, fürchtete er um seine Überzeugungskraft, verstärkte er automatisch seine Lautstärke. „Man kann alles von ihm haben, nur man darf ihm nie widersprechen!“, flüsterte mir ein Kollege erläuternd zu, als Zangl gerade wieder vehement irgendwelche Prinzipien einforderte. Gelegentlich übertrieb er es damit allerdings etwas und widersprach sich dann selbst. Doch gerade das schien ihn nur darin zu bestärken, dass eigentlich er Recht hätte. Er fiel anderen Kollegen auch gerne ins Wort. Er hatte einen spitzen Kinnbart und eine beginnende Glatze, seine Brille saß streng auf seiner Nase. Ingenieur Zangl unterrichtete übrigens Agrartechnik.
Magister Lamm, hingegen, war ein eher bedauernswerter Kollege. Die meisten seiner Wortmeldungen fanden nicht nur keinen Anklang im Lehrkörper, sondern sie wurden sogar sprichwörtlich in der Luft zerfetzt. Zugegeben, vieles von dem, was er von sich gab, war nicht immer leicht nachvollziehbar oder vielleicht etwas schräg. Und so schien es vorbestimmt, das Magister Lamm in dieser Gemeinschaft wohl kaum mehr als eine geprügelte Randerscheinung sein konnte, ein „Opferlamm“, vielleicht auch ein Sündenbock, sinnierte ich stillschweigend.
Ingenieur „Charly“, der Tierzuchtlehrer, hatte sich mit seinem Spitznamen schon so sehr identifiziert, dass er sich mir gegenüber nicht einmal mehr mit seinem Nachnamen vorgestellt hatte. Er war für alle einfach der „Charly“, für den Direktor, für seine Kollegen und wohl auch für seine Schüler. Er war ein netter Mensch, den jeder zu mögen schien. Er war über sechzig, noch immer Junggeselle, wie man mir erzählte, steckte aber voller Schaffenskraft und wollte von seiner nicht mehr allzu weit entfernten Pensionierung nichts wissen. Er war sehr groß, hatte eine laute Stimme und stets ein verschmitztes Grinsen im Gesicht. Charly war zweifellos schrullig, aber auf seine sehr liebenswerte Weise.
Ich blickte auf meine Uhr. Drei Stunden waren mittlerweile schon vergangen und die Konferenz neigte sich dem Ende zu. Ein Blick aus dem Fenster zeigte, dass es schon dunkel geworden war. Ich hatte mir von einigen Kollegen nun ein erstes, zugegeben noch verschwommenes Bild machen können. Manches war mir von meinen Sitznachbarn zugeflüstert worden – wie gerne Lehrer doch in Konferenzen schwätzen – anderes hatte ich aus den Wortmeldungen erschlossen und ich war zur Ansicht gelangt, dass es sich hier wohl um einen irgendwie schon etwas eigentümlichen Lehrkörper handle. Hoffentlich war das nicht ansteckend, dachte ich mir. Aber mich tröstete die Vorstellung, dass ich diese Stelle wahrscheinlich nur ein Schuljahr als Überbrückung ausfüllen müsste, bis ich endlich ganztags an der Universität arbeiten könnte. Pläne für wissenschaftliche Projekte, die ich dann angehen wollte, hatte ich ja schon zur Genüge. […]

Telefonpädagogik


„Wer fehlt denn heute?“, fragte ich, um am Beginn meiner Stunde ordnungsgemäß die Klassenbucheintragung vorzunehmen. – „Der Hansi!“, hieß es im Chor. – „Welcher Hansi?“, fragte ich nach, denn es gab vier Hansis in der Klasse. – „Der Bauer Hansi!“, schallte es wieder im Chor. – „Der externe Schüler? Der fehlt aber oft.“, stellte ich verwundert fest, „Weiß wer, was er hat?“ Der fehlt ja schon seit Weihnachten und nächste Woche schreiben wir doch schon die nächste Schularbeit. Ist er krank?“. – „Nein, nein bestimmt nicht.“, verlautete Peterl, „Ich hab ihn am Wochenende auf einem Landjugend-Ball getroffen, da hat er wirklich sehr gesund gewirkt, so wie der getanzt hat.“ – „Vielleicht hat er sich dort etwas ausgerenkt oder vielleicht tachiniert er nur, wie gewöhnlich?“, kam prompt der böse Verdacht des Mitschülers. – „Na. Na!“, sagte ich, „Wir wollen doch nichts behaupten, was wir nicht sicher wissen.“ – „Aber ich hab ihn doch heute Morgen gesehen!“, war sich Barbara sicher. – „Das stimmt! Ich hab ihn auch gesehen!“, erinnerte sich ein weiterer Mitschüler. – „Genau, ich hab das Auto seines Großvaters erspäht, der ihn immer herbringt!“, fügte Christian als weiteres Indiz für Hansis Anwesenheit am Morgen vor Unterrichtsbeginn hinzu. – „Das ist allerdings merkwürdig!“, wunderte ich mich, „Ich denke, ich werde in der Pause bei ihm zuhause anrufen und einmal nachfragen, was da eigentlich los ist.“
In der Pause warf ich zunächst noch einen weiteren Blick ins Klassenzimmer, denn bevor ich mit Hansis Eltern sprach, wollte ich erst klare Zahlen in der Hand haben, wie viele Stunden Hansi tatsächlich schon versäumt hatte. Die Zahl war beträchtlich, alleine von meinen Unterrichtsstunden hatte er während der letzten beiden Wochen mehr als die Hälfte versäumt, aber auch in den anderen Fächern waren seine Absenzen enorm hoch. Hansi war zwar zwischendurch stundenweise immer wieder in der Schule gewesen, hatte jedoch glatt seit mehreren Wochen schon nicht regelmäßig am Unterricht teilgenommen. Dass das noch niemanden aufgefallen war, wunderte mich, aber er hatte es ja irgendwie geschickt gemacht, so dass gerade keine alarmierenden permanenten Fehlzeiträume zu Stande gekommen waren. Nun gut, ich wollte mit Hansis Eltern sprechen, von ihnen würde ich ja eine Erklärung bekommen, dachte ich. Ich rief an und ließ es lange läuten. Niemand ging ans Telefon. Ich probierte es in der nächsten Pause wieder und auch in der übernächsten. Endlich, nach dem wohl zwanzigsten Läuten, hob jemand ab. Es war Hansi selbst. „Eigentlich wollte ich ja mit deinen Eltern sprechen,“, begann ich, „aber, wenn ich dich schon am Telefon habe, dann kann ich dich durchaus auch selber fragen, wieso du heute nicht im Unterricht warst beziehungsweise wieso du seit Weihnachten so oft gefehlt hast.“. Hansi war offensichtlich so überrascht, dass ich ihn zur Rede stellte, dass es ihm seinerseits die Rede zunächst verschlug. Stille am anderen Ende der Leitung! Dann begann er langsam und stotternd, „Ja, das, das lässt sich alles ganz leicht erklären. Ich war so viel krank. Ich war immer verkühlt.“. – „Aha! – Aber das erklärt nicht, wieso du, obwohl du von deinen Mitschülern schon in der Schule gesehen worden bist, noch vor Unterrichtsbeginn nach Hause gegangen bist!“ - „Aber mir ist immer so viel schlecht in der Früh.“ – „Übelkeit am Morgen?“, ätzte ich, weil ich mich über die Fadenscheinigkeit seiner Erklärungen ärgerte, „Da solltest du aber dringend einen Arzt aufsuchen!“ – „Nana, jetzt geht’s mir eh schon wieder besser.“ – Das ist schön zu hören. Du weißt aber, dass du, vor allem nachdem du noch schulpflichtig bist, für jedes Fernbleiben vom Unterricht eine schriftliche Entschuldigung bringen musst!“, ließ ich nicht locker. – „A, wirklich, na das hab’ ich nicht gewusst. Meine Eltern haben eh schon einmal ein Fax in die Schule geschickt. Aber, ich komm’ morgen eh wieder, ganz bestimmt komm’ ich ab jetzt wieder in die Schul’, das versprech’ ich Ihnen.“ – „Na gut, dann werden wir ja sehen, was dein Versprechen wert ist. Du weißt ja, mit deinen Leistungen steht es auch nicht gerade zum Besten, deine Noten kannst du bestimmt nicht durch Abwesenheit verbessern….“.
Nach diesem Gespräch stellte sich zumindest anfangs eine geringfügige Verbesserung von Hansis schulischer Anwesenheit ein. Doch schon bald kam ein eigenartiger Anwesenheitsrhythmus auf. Zwei Tage anwesend, einen Tag abwesend, zwei Tage anwesend und so weiter. Jedes Mal, wenn Hansi fehlte, versuchte ich nun seine Eltern anzurufen, ohne Erfolg. Meistens hob niemand ab, gelegentlich Hansis Bruder oder er selbst. Meine Bitte um Rückruf durch Hansis Eltern hatte man offensichtlich auszurichten vergessen. Einmal erreichte ich Hansis Großvater. Dieser war sehr kooperativ und versprach, Hansi persönlich bis ins Schulgebäude zu begleiten. Eine Zeitlang schien dies ganz gut zu funktionieren, doch dann schlich sich wieder eine Störung der Kontinuität ein. Hansis neuer Rhythmus war nun: zwei Tage Anwesenheit, drei Tage Abwesenheit, zwei Tage Anwesenheit, drei Tage Abwesenheit. Bald setzten sogar da noch besorgniserregende Rhythmusstörungen ein.
Mittlerweile war es mir wenigstens schon gelungen, Hansis Mutter persönlich am Telefon zu erreichen und wenn ich mir bei ihr wegen der unentschuldigten Absenzen ihres Sohnes beschwerte, trugen sich mitunter gar merkwürdige Dinge zu: Zuerst war Hansis Mutter überrascht, dann sogar fürchterlich entsetzt vom Fernbleiben ihres Sohnes, denn sie sei fix der Meinung gewesen, dass ihr Sohn in der Schule gewesen sei. Wenig später rief sie mich jedoch aufgeregt zurück und teilte mir mit, dass alles seine Richtigkeit habe, denn ihrem Sohn sei auf dem Schulweg plötzlich übel geworden, und deswegen sei er wieder nach Hause zurückgekehrt. Sie habe davon nur nichts gewusst, weil sie berufstätig sei, aber ihr Sohn, der im Augenblick leider nicht erreichbar sei, habe dies allerdings telefonisch seinem Vater gegenüber erwähnt. Diese Übelkeitsanfälle auf dem Schulweg wiederholten sich regelmäßig, bis mir die Klassenkollegen des mutmaßlichen notorischen Schulschwänzers mitteilten, dass sie Zeugen des folgenden, sich täglich wiederholenden Schauspiels seien: Hansis Großvater bringt seinen Enkelsohn zur Schule und begleitet ihn bis in den Schuhraum. Hansi zieht sich seine Hausschuhe an und verabschiedet sich von seinem Großvater, welcher daraufhin das Schulgebäude verlässt. Hansi wartet nun einige Minuten im Schuhraum, meist verzehrt er dort sein Jausenbrot. Mittlerweile ist Hansis Großvater fortgefahren und weit genug vom Schulareal entfernt. Nun zieht sich Hansi seine Straßenschuhe wieder an und verlässt wie selbstverständlich das Schulgebäude, den Schulhof und Schloss Kleinod.
Als ich diese Beobachtungen Hansis Mutter telefonisch mitteilte, mit der Bitte, nun endlich auf ihren Sohn positiv einzuwirken, dass er seine Schulpflicht verlässlich erfülle, sagte diese spontan: „Warten Sie nur, ich geb’ ihn Ihnen. Schimpfen Sie ihn nur ordentlich zusammen, dass er sich des ein für alle Mal merkt!“ Danach spielte sich der folgende bühnenreife Dialog am anderen Ende der Leitung ab: „Gehst her do, dei Lehra muass dir wos sogn!“ – „Na, i geh net!“ – „Gehst her do sofurt!“ – „Na, i kum net!“ – „Da Lehra sulls dir nua urndli sogn!“ - „Na, i wüll net! – Geh’ her da, du Lausbua, du depperter! Nur Ärger hat ma mit dir!“. So ging dieser muntere Dialog noch einige Zeit hin und her, bis der schwer motivierbare Knabe schließlich doch ans Telefon kam. Ich beschränkte mich meinerseits jedoch auf die „amtliche“ Mitteilung der unentschuldigten Stunden. Denn was ihm sonst noch unmissverständlich zu sagen gewesen wäre, das erachtete ich wohl als Pflicht der Eltern, und das wollte ich ihnen in diesem Fall auch nicht ersparen.
Mir hatte diese Begebenheit aber eine weitere, eine neue pädagogische Aufgabe im Schuldienst bewusst gemacht, die mir während meines Lehramtsstudiums scheinbar gänzlich entgangen war, nämlich die des Buhmannes, des Krampusses. Irgendwann wird man seinen Kindern dann zu Hause nur mehr sagen müssen, „Sei brav, sonst kommt der Lehrer und schimpft!“. Ein Service, das man, wie so vieles in der heutigen Zeit, auch gleich per Telefon in Anspruch nehmen kann.


... und noch weitere Schmankerln warten im Buch auf Sie!
Viel Spaß beim Lesen!
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