Vorweg: Wer isst, wählt (aus)!
Dass alles Leben Politik sei, ist eine ähnlich ständig wiederholte Behauptung wie die Feststellung, dass der Mensch essen muss, um zu (über)leben. Beides ist unbestritten, beides beschäftigt uns und unsere Lebens-
gestaltung in einem nicht geringen Umfang. Die ständige öffentliche und die veröffentlichte Aufmerksamkeit gelten der Politik ebenso wie dem Essen. Buchhandelsregale sind voll mit Sachbüchern, die sich diesen Bereichen aus den unterschiedlichsten Perspektiven annehmen. Hier reiht sich eine politische Hintergrundanalyse an die andere, dort steht Ernährungsratgeber neben trendigem Kochbuch.
Doch während Politik im wahrsten Sinne des ursprüng-
lichen Begriffs als „res publica“, als öffentliche Angelegenheit zu verstehen ist, scheint das Essen ausschließlich Gegenstand der Privatsphäre zu sein. Unsere Gesellschaft mit ihrer Tendenz, das Politische – „Was kann ich da
als Einzelner schon verändern?“ – und das Persönliche – „Da lass ich mir von keinem was reinreden!“ – strikt voneinander zu trennen, tut ihr Übriges dazu.
Anders gesagt: Wir werden zwar alle vier, fünf, sechs Jahre dazu aufgerufen, bei Wahlen unsere „demokratische Pflicht“ zu erfüllen, doch genau genommen ist der dabei zur Disposition gestellte Spielraum ein äußerst kleiner.
Im besten Fall, und dann sprechen die notorisch aufgeregten Medien bereits euphemistisch von „Schicksalswah-
len“, kann eine grobe Richtung vorgegeben werden. Doch spätestens vier Wochen nach jedem Wahlgang sprechen auch die erfolgreichen Parteien eher von „Sachzwängen“ und „Fixausgaben“ als von „Programmen“ und „Gestaltung“.
Dabei treffen wir ständig Entscheidungen, die – auch politisch gesehen – ungleich folgenschwerer sind. Was wir
an Lebensmitteln kaufen und essen, hat unmittelbare Auswirkungen auf unsere Handelsbilanzen, auf unsere Um-
welt und Landschaft, auf unsere Gesundheitsbudgets und unser gesellschaftspolitisches Verständnis.
Wir Konsu-
menten haben es ganz allein in der Hand, ob naturnahe Landwirtschaft oder die Agrarindustrie die Geschäfte macht, ob es zu einer Angebotskonzentration oder zu einer Angebotsvielfalt kommt, ob die Arbeitsplätze zu Hause oder in Schwellenländern mit Umweltbelastung, Lohndumping und Kinderarbeit gesichert werden.
Wer isst, der schützt Wasser, Luft und Boden oder gefährdet diese Überlebensressourcen. Und letztlich entscheiden unsere Ernährungs-
gewohnheiten wesentlich darüber, welche gesundheitlichen Risiken wir eingehen wollen oder nicht.
Das Eigenartige ist, dass dieses Wissen gar nicht so besonders neu ist. Wer darüber Bescheid wissen wollte, konnte sich über diese Zusammenhänge relativ einfach kundig machen. Doch – und siehe oben – das politische Potenzial individueller Essgewohnheiten blieb in der einschlägigen Literatur bisher entweder weitgehend ausgespart oder wurde in fachspezifischen Arbeiten publiziert. Eine in dieser Hinsicht leicht lesbare und rasch überschaubare Publikation, die zugleich aber auch die Vielfalt der politischen Implikationen wahrnimmt, fehlt dagegen.
„Politisch korrektes Essen“ ist ein Gebot der Stunde. An den Einkaufstheken und auf den Speisekarten entschei-
det sich ein großes Stück unserer Zukunft.
Inhaltsverzeichnis
Der große Markt
- Ernährung heute und ein aufschlussreicher Blick in die Geschichte
- Der Nahrungsmittelmarkt - Wer produziert, wer verkauft, wer bezahlt und wo bleibt die Gerechtigkeit
- (Nicht) der Bauer (allein) deckt den Tisch
- Zum Beispiel Milch und Wein
- Die Macht des Handels
- Ein paar Mitspieler mehr
- Der Kunde ist König oder zumindest könnte er es sein
Tägliche Entscheidungen mit großen Folgen
- Politisches Handeln jetzt!
- Von Arbeitsplätzen und Handelsbilanzen / Essen macht Wirtschaft- und Sozialpolitik
- Eat the landscape / Essen macht Umweltpolitik (Pflanzen! Tiere? Und die Produzenten?!
- Fiebersenkende Lebensmittel / Essen macht Klimaschutzpolitik
- Bauern oder Farmer - Höfe oder Fabriken / Essen macht Agrarpolitik
- Fair-Antwortung / Essen macht Entwicklungspolitik
- Lebens-Mitte(l) / Essen macht Gesundheitspolitik
- Trends und Traditionen / Essen macht Gesellschaftspolitik
Anständig essen
- Eatical correctness
- Mehr Bio hilft allen leben
- Zauberlehrling Gentechnik
- Zuviel Fleisch tut keinem gut
- Ökosozial und marktgerecht - Wissen schaft Gewissen
Zum Schluss: Einkaufen schützt vor Nachdenken nicht
Sehr geehrte Leserin, sehr geehrter Leser!
Möglicherweise sind Sie am Ende dieses Buches etwas ratlos. Sie haben sich vielleicht mehr konkrete Einkaufs-
listen erwartet, zumindest aber klare Beurteilungen, was richtig und was falsch ist. Leider ist die Welt – auch die der Lebensmittel – nie so ganz einfach zu verstehen. Fast nie geht es um schwarz oder weiß, richtig oder falsch, fast immer müssen wir Entscheidungen zwi-
schen mehr oder weniger gut treffen. Viele Menschen denken beim Einkaufen – sieht man vom Preis, vom Geschmack und der angeblichen Wirkung für die Gesundheit einmal ab – kaum genauer nach.
Und die angeführten Motive sind genau genommen
sehr individuelle.
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Hans Putzer (Foto: Putzer-Maier)
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Die Botschaft dieses Buches ist bei Ihnen angekommen, wenn Sie sich künftig mehr Ihrer politischen Verantwortung beim Essen, sei sie wirtschaftlich, sozial oder ökologisch orientiert, bewusst sind. Die Botschaft wäre aber falsch bei Ihnen angekommen, wenn Sie das Buch mit dem Gedanken „Da kann ich ja gar nichts mehr guten Gewissens einkaufen“ zur Seite legen und gleich weitermachen wie bisher.
Niemand wird allein eine Trendwende schaffen.
Aber viele gemeinsam können hier ein gesellschaftliches Bewusstsein entstehen lassen, das eine Änderung zum Besseren möglich macht. Jeder Einzelne hat die Möglichkeit, beim Einkauf nachzufragen, unter welchen Bedin-
gungen ein Lebensmittel produziert und ins Regal gebracht worden ist. Wenn dies viele tun, wird der Markt darauf reagieren.
Nehmen Sie sich selbst als Maßstab: Was steht auf Ihrem Einkaufszettel, mit dem Sie Ihre Besorgungen geordnet erledigen wollen? Meist sind das gerade bei Lebensmitteln höchst unpräzise Angaben wie „1 kg Rindschnitzel“ oder „Tomaten“ oder „Äpfel“. Dabei ist diese Ungenauigkeit gar nicht mehr durchgehend zu finden. „1 Flasche Weißwein“ werden Sie ebenso wie „3 Joghurt“ nicht mehr so oft lesen. Hier geht man mit weitaus klareren Absichten zum Regal. Man wählt bewusst eine Sorte, ein Fabrikat, vielleicht sogar das Produktmerkmal Bio. Jetzt dürfen Sie das zuletzt Gesagte natürlich nicht wörtlich nehmen: Einkaufszettel sind freilich immer ganz persönliche Erinnerungs-
hilfen, da muss nicht alles ausführlich beschrieben sein. Aber die Haltung, die hinter jeder Kaufabsicht steckt, ist
in der Tat sehr verschieden. Der erste Schritt zum politisch verantwortungsbewussten Essen ist daher immer der bewusste Einkauf.
Worauf es ankommt - 7 einfache Regeln
1. Wissen, was man isstNur wer sein Lebensmittel "kennt", wer Rohprodukte kauft und weiß, as wirklich dahinter steckt, wird bewusst einkaufen.
2. Wissen, von wem das Essen kommtLebensmittel vom (Bio-)Bauern sind nachvollziehbar, was aus der Agrarindustrie oder gar von den transnationalen Lebensmittelkonzernen kommt, dagegen nicht.
3. Wissen, welchen Weg das Essen schon hinter sich hatWer beispielsweise chilenische Äpfel um den gleichen Preis wie heimisches Obst ersteht, schadet nicht nur der eigenen Wirtschaft, sondern nimmt auch Tausende von Kilometern an Transportwegen in Kauf.
4. Wissen, unter welchen Bedingungen produziert wurdeProdukte aus vielen Ländern werden oft unter sozialen und ökologischen Standards produziert, die bei uns zu Recht verboten sind. In den Entwicklungsländern steht Kinderarbeit noch immer auf der Tagesordnung. Fair Trade ist hier die einzige Alternative.
5. Wissen, welche Geschichte Lebensmittel mitbringenWas unter hohem Energieeinsatz produziert oder transportiert wird, schädigt unsere Umwelt und stellt eine Belastung für das globale Klima dar.
6. Wissen, wann der richtige Zeitpunkt istDer Genuss von beispielsweise Erdbeeren im Winter und Tomaten das ganze Jahr über verhindert die Freude am besonderen Geschmack der Saison. Außerdem bleibt so die Abwechslung auf der Strecke.
7. Wissen, wann es zu viel wirdFleisch ist zu kostbar, um es als Allerwelts- und Alle-Tage-Lebensmittel uneingeschränkt zu konsumieren. Zu viel Fleisch bedeutet auch zu viel Naturverbrauch.
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