Hoppels Ende
Markus war erst fünf Jahre alt, als er die Liebe zu den Hasen oder - korrekt formuliert - zu den Kaninchen entdeckte. Er war damals mit seinem Vater auf dem Kleintiermarkt vor der Stadt gewesen, und er hatte ein ganzes Jahr gebraucht, bis er seine Eltern durch konsequentes Bitten und Betteln so weit gebracht hatte, dass er einen Hasen haben durfte. Zu seinem sechsten Geburtstag sollte er nun also einen solchen bekommen. Markus war sehr aufgeregt, als man endlich zu einem Bauern fuhr, bei dem er sich ein Tier aussuchen durfte. Markus tat sich dabei nicht schwer. Denn er hatte sich in den Kopf gesetzt, sich ein schwarz-weiß-braun geschecktes Hasentier auszusuchen. Und, sehr zur Überraschung seiner Eltern, die ihm für den Fall, dass ein solches Häschen nicht zu erwerben wäre, einzureden versucht hatten, dass die Farbe nicht so wichtig wäre wie der Charakter, kam es auch dazu. Er sah ein schwarz-weiß-braunes Häschen, gewann es sofort lieb, fragte nicht einmal nach dessen Geschlecht und hob es sogleich in die eigens dafür mitgebrachte Obstkiste und wartete bereits, bevor seine Eltern das Gehöft des Hasenzüchters verließen, im Auto auf die Heimfahrt. „Wie soll denn dein Hase heißen?“, wurde Markus auf der Heimfahrt von seiner Mutter gefragt. „Hoppel!“, kam es sofort, wie aus der Pistole geschossen, zurück. „Und wieso gerade Hoppel?“, wollte der Vater von Markus wissen, doch er erhielt keine Antwort mehr. Zu sehr war das Kind in seine Gedankenwelt vertieft und mit dem Streicheln des Hasen beschäftigt.
Hoppel fehlte es an nichts, er wurde regelrecht verwöhnt. Und er dankte für die gute Behandlung durch besondere Zutraulichkeit. Er hörte auf seinen Namen und genoss die Zeit, die ihm Markus widmete. Die beiden spielten jeden Nachmittag miteinander. Hoppel durfte auf die Ladefläche des kleinen Spielzeug-Lastwagens von Markus springen, und Markus durfte Hoppel in diesem durch den Garten fahren. Eines Tages, es war wohl ein halbes Jahr, nachdem Hoppel von der Familie gekauft worden war, beobachtete ein Onkel von Markus, der auf Besuch gekommen war, das lustige Spiel der beiden. „Sag einmal Markus“, fing der Onkel an, „schön groß ist dein Hoppel schon geworden. Interessiert dich denn eigentlich nicht, ob dein Freund ein Männchen oder ein Weibchen ist?“ „Nein!“, kam prompt die Antwort des kleinen Jungen. „Aber wenn wir das wüssten, dann könnte dein Hoppel ja vielleicht einmal Junge bekommen, kleine süße Hasenbabys. Würde dich das denn nicht freuen?“, weckte der Onkel das Interesse des Jungen. „Doch“, sagte dieser, „Hasenbabys wären schon lieb, aber ich glaube nicht, dass meine Eltern das erlauben.“ „Warum nicht? Ihr könnt die Jungen dann ja herschenken oder verkaufen, wenn sie alt genug sind. Komm, gib mir deinen Hoppel, ich schau einmal nach!“ Der Junge übergab seinem Onkel das Tier. Dieser hob es, drehte es um und untersuchte es vorsichtig. „Aber pass’ auf, dass du ihm nicht weh tust!“, sorgte sich der Junge. „Keine Angst,“, sagte der Onkel, „das tut ihm bestimmt nicht weh. Aber ich muss dir leider sagen, dein Hoppel wird keine Hasenbabys bekommen!“ „Warum denn nicht?“, fragte der Junge fast etwas traurig. „Weil dein Hoppel ein Männchen ist!“, erklärte der Onkel. „Schade!“, stellte Markus fest, „Ich hätte schon gerne Hasenbabys gehabt!“. „Weißt du was,“ ergänzte der Onkel, „wenn du möchtest, könnte ich mir deinen Hoppel ja ausborgen und eine von meinen Häsinnen mit ihm belegen, dann könnte er wenigstens Vater werden und, wenn du möchtest, kannst du dir dann eines der Jungen aussuchen!“ „Ja, das wäre toll!“, freute sich der Junge.
Ein paar Wochen später kam Markus zu seinem Onkel auf Besuch, und er hatte, wie mit seinen Eltern vereinbart, auch Hoppel mitgebracht. Nun sollte Hoppel also zumindest Vater werden. Der Onkel setzte Hoppel zu einer Häsin in die Kiste, und dieser war sofort an der Häsin interessiert. Markus hatte noch nie zuvor einen Deckakt gesehen. „Was machen die denn jetzt?“, fragte er seinen Onkel. „Kinder!“, war die kurze und präzise Antwort. Nach dem kurzen Deckakt fiel Hoppel, wie das bei Kaninchen so üblich ist, von der Häsin herunter und stieß dabei einen quietschenden Schrei aus. „Um Gottes willen!“, begann Markus heftig zu weinen, „Jetzt ist er tot. Deine Häsin hat meinen Hoppel umgebracht!“. „Der liegt ja nur ein paar Sekunden, da schau, er ist ja wieder ganz der alte!“, versuchte der Onkel seinen Neffen zu beruhigen, doch er hatte an diesem Tag damit kein Glück. Schnell nahm Markus seinen Hoppel aus der Kiste und eilte mit den Worten davon, „Damit du’s weißt, dir borg’ ich meinen Hasen nie mehr wieder!“.
... und noch weitere Schmankerln warten im Buch auf Sie!
Viel Spaß beim Lesen!
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