„Wer’s Fortgehen net aushalt’,
soll daheim bleiben!“
Wir haben zu Silvester bis in der Früh gefeiert, und dann sind wir gleich, ohne zu schlafen, in den Stall gegangen. Zur Mutter habe ich schnell gesagt: „Ein gutes neues Jahr!“ So hat sie wenigstens nicht schimpfen können!
Wenn Mathilde Wachinger aus Kainisch bei Bad Aussee aus ihrer Jugendzeit erzählt, betont sie aber, dass das „Fortgehen“ für sie erst ab 18 Jahren möglich war. Ihre Eltern waren da sehr streng.
Einmal, nach einem Theaterstück, sind ein paar noch geblieben, ich aber bin brav heimgegangen, weil ich noch nicht 18 war. „Was bist du für ein Dirndl?“, hat einer gesagt. „Wenn’s mich in dem Alter angehängt hätten, zehn Ketten hätt ich abgerissen, und ich wär trotzdem fortgegangen!“ Aber ich habe mit 18 noch genug erwischt. Ich habe nichts versäumt!
Fesche Buam und Dirndln beim Bandltanz.
Familie Burböck aus der Gaal
Die alte dörfliche Welt kannte kein Fernsehen, kaum Radio und Kino und war vielleicht gerade deshalb reich an „Unterhaltungen“ und harmlosen Vergnügungen. Allerdings waren Tanzveranstaltungen an bestimmte Zeiten gebunden. Nicht erlaubt war das Tanzen im Advent und in der Fastenzeit. Getanzt wurde bis Kathrein, bis zum 22. November, und erst am Stefanitag ging es wieder los. Auch im Sommer war das Tanzen eigentlich nicht erlaubt. Eine Altbäuerin erzählt:
1958 haben wir im Sommer einen Maibaum umgeschnitten und dabei einen Tanz gehabt. Kurz darauf ist das Hochwasser gekommen, und jetzt haben alle dem Tanzen die Schuld gegeben. Im Sommer war Tanzen eigentlich streng verboten. Man hat gesagt: Hätten wir nicht getanzt, wäre das nicht passiert.
[...]
Schon im Herbst, bei den Gemeinschaftsarbeiten Brecheln, Woazschälen und Dreschen, ging es oft recht lustig zu. Nun, in der kalten Jahreszeit, besuchte man gerne Bälle, die früher viel häufiger veranstaltet wurden. Oft fand an jedem Samstag irgendwo ein Ball statt: Feuerwehrball, Konsumball oder Heimkehrerball. Manch einer nahm lange Fußmärsche in Kauf, oft durch tief verschneites Gebiet, um zum Veranstaltungsort zu gelangen. In der Früh, beim Heimkommen, gab es kein „Liegengehen“. Es hieß, an die Arbeit, in den Stall! Denn wer das Fortgehen nicht aushält, der soll daheim bleiben!
Zwei alte Jungfrauen
Bei uns am Moserannerlhof haben zwei alte Mägde, Schwestern, gelebt, die sind beide um 1890 geboren. Sie waren nie verheiratet gewesen. Zu der Zeit ist es ja Mode gewesen, Jungfrau zu bleiben. Das ist vom katholischen Glauben ausgegangen, dass die beiden nie geheiratet haben. Die haben sich ganz dem Glauben verschrieben. Damals gab es viele Frauen, die so gedacht haben, dadurch hat es auch nicht so viele ledige Kinder gegeben.
Die zwei alten Frauen sind sehr fleißig gewesen. Sie haben geschaut, dass sie immer etwas zu arbeiten haben. Die eine hat ein kleines Küberl gehabt und hat im Weingarten immer alles gejätet und zusammengeputzt. Die andere hat im Haus geholfen, Kürbisse und Erdäpfel gekocht, Wasserrüben und weiße Möhren für die Viecher. Da hat sie den ganzen Winter Arbeit gehabt: für die Sau Futter kochen und ein bissl Holz schneiden.
Die andere hat ganz gern ein bissl getrunken. Die ist mit 87 an der „Leber“ gestorben. Da, in der Küche, hat sie immer ein Glaserl Uhudler stehen gehabt, und da ist sie immer dazugegangen und hat einen Schluck genommen. Dann ist sie wieder arbeiten gegangen, dann hat sie wieder ein Schluckerl getrunken, so ist das den ganzen Tag gegangen. Den Wein, den Uhudler, hat sie von ihren eigenen Weinstöcken geerntet. Sie hat einen kleinen Weingarten gehabt, auf den hat sie ganz allein geschaut und den hat sie gepflegt. Der Wein hat ihr halt so gut geschmeckt! Wenn sie bei einem Fest war, hat sie auch gerne getrunken, nach dem Grundsatz: „Wos i krieg, nimm i
holt!“ Aber dann ist es vorgekommen, dass sie schon „retour“ gegangen ist!
Die beiden haben ihr ganzes Leben hart gearbeitet und sind bis zu ihrem Tod immer gesund gewesen. Die eine hat mit 71 einen Schlaganfall gehabt. Der Doktor hat gesagt, wenn sie neun Tage drüberkommt, dann schafft sie es, aber sie ist am achten Tag gestorben.
Beim Begräbnis haben wir Mädchen unsere weißen Kleider angehabt, weil die beiden noch im hohen Alter beim Jungfrauenverein waren. Beim Jungfrauenverein warst du so lange Mitglied, bis der Pfarrer gesagt hat, jetzt darfst du nicht mehr dabei sein.
Maria Pastolnik aus Wuggitz bei Großradl
Der Bauerndoktor
Früher waren bestimmte Kräuter in einem Bauernhaus immer vorhanden: Kamille, Wacholderbeere, Taubnesselblüte, Johanniskraut. Und Schafgarbe natürlich, die ist gut für die Blase. Zinnkraut haben wir für die Viecher gehabt, wenn sie Harnverhalten gehabt haben, und Wermut gegen die Harnwind. Die Mutter hat die Kräuter getrocknet und in einer Schachtel am Dachboden aufbewahrt. Wenn wir was gebraucht haben, ist sie hinaufgegangen und hat ein Schipperl von da und ein Schipperl von dort genommen.
Die Altbäuerin Aurelia Autischer beschreibt hier eine bäuerliche Hausapotheke, wie sie wohl auf jedem Hof zu finden war. Alle Wiesen und Matten, alle Berge und Hügel sind Apotheken: Das wusste nicht nur Paracelsus, sondern auch jede Bäuerin und jedes „Kräuterweibl“, zu einer Zeit, als sich die Menschen im Krankheitsfall selbst helfen mussten und ein Gang zum Arzt nur im äußersten Notfall in Frage kam:
Bei uns hat es keinen Doktor gegeben, weil es hat ja niemand Geld gehabt. Die Mutter hat die Kinder immer selbst behandelt.
Das Wissen, welches Heilkraut im Krankheitsfall zu verwen-
den ist und zu welchem Zeitpunkt eine bestimmte Wurzel ausgegraben werden soll, wurde ebenso zuverlässig von Generation zu Generation weitergegeben wie auch die Kunst, kleinere und größere Beschwerden beim Vieh zu behandeln. In der Familie war es meist die Mutter, die immer Rat wusste und auf einen Vorrat an Heilkräutern zurückgreifen konnte. Jede Bäuerin hatte ihre speziellen Hausmittel. Die eine gab mehr auf wild wachsende Pflanzen, die andere zog ihre Heilpflanzen lieber im eigenen Garten. Fast in jedem Haus wurden Salben, Pflaster und Einreibungen erzeugt, legendär waren die „Pechsalben“, die als Wund- und Zugsalben äußerst wirksam gewesen sein sollen. Dafür wurde Fichten- oder Lärchenpech geläutert und gereinigt, indem es erhitzt und gesiebt wurde, dann wurde es mit Bienenwachs, Fett und verschiedenen Wurzeln und Kräutern aufgekocht, abgeseiht und zu einer Salbe verrührt.
Bei Fieber schnitt man mancherorts Kren in dünne Scheiben und fädelte diese auf einen Zwirn. Diese Kette wurde dem Kranken um den Hals gehängt und musste über Nacht einwirken. Am nächsten Tag sei der Kren ganz dürr gewesen, dies wurde als Zeichen betrachtet, dass der Kren das Fieber „herausgezogen“ hätte. Tatsächlich treten an den Schnittflächen von Kren ätherische Öle aus, die antibakteriell wirken und mit ihrem scharfen Geruch auch die Atemwege frei machen können.
Wenn jemand verkühlt war, schmierte man Schweinsfett auf einen Lappen und legte diese Packung dem Kranken warm auf. In der Südsteiermark hingegen legte man warmen Sterz, in Leinen gewickelt, auf. Bei Halsweh gab man ein paar Tropfen Terpentin auf ein Zuckerstück oder legte Speckstreifen auf den Hals des Kranken. Gut gegen Kopfweh waren Essigwickel oder frische Blätter, z. B. vom Schwarzen Holunder. Das Laub wurde ein bisschen geklopft und gequetscht, dann auf den Kopf gelegt und mit einem Kopftuch festgebunden. Frischer Spitzwegerich, ebenfalls ein wenig geklopft, damit der Saft austrat, wurde zur Wundheilung verwendet und half auch bei Ausschlägen. Sehr beliebt als Kräftigungsmittel war ein gutes Weinchadeau. Besonders bei sich lange hinziehenden Krankheiten versprach
man sich vom täglich gereichten Weinschaum mit Ei eine Stärkung.
Manche Personen zeichneten sich durch umfangreiches Heilwissen und durch besondere Geschicklichkeit aus. Einfache Bauern oder andere, nicht ausgebildete Personen wurden so zum „Boaheiler“, zum „Zahnreißer“ oder zum „Viechdoktor“. Von den „Beinheilern“ wurden oft wahre Wunderdinge berichtet, auf jeden Fall hatte man vollstes Vertrauen in ihre Heilkünste.
Wenn man einen Knochen gebrochen hat, ist man zum Boaheiler gegangen. Der hat alles wieder eingerichtet, eine Salbe draufgetan und dann den Bruch mit einem Holzspan geschient,berichtet eine Altbäuerin.
[...]
Eiszapfen gegen gefrorene Füß'
Beim Schulgehen ist es schon vorgekommen, dass die Füße der Kinder gefroren waren. In der Schule ist zwar ein eiserner Ofen gestanden, da ist man ein wenig zuwigeschloffen, aber die Zehen waren manchmal stark aufgesprungen und sehr kalt, wenn man heimgekommen ist. Da hat die Mutter dann roggenes Mehl genommen und einen Eiszapfen, hat das miteinander abgerührt, bis es ein Koch geworden ist und hat den Brei dann auf die gefrorenen Füße aufgelegt. Das war ein gutes Heilmittel! Die Mutter hat unsere gefrorenen Füße auch oft in dem Wasser gebadet, in dem sie die Erdäpfel für die Schweindln gesotten hat.
Adelheid Pöllabauer, Gasen
Eine schöne fette Sau
Eine große Sau war der ganze Stolz einer Bäuerin!
Immer wieder hört man diesen Satz, wenn alte Bauern und Bäuerinnen von der Vergangenheit erzählen. Die Aufzucht der Mastsau war Aufgabe der Bäuerin und erforderte viel Mühe und Fleiß, denn die Sau sollte so fett wie nur möglich werden. Eine dicke Speckschicht war sehr gefragt, schließlich musste damit der Fleisch-, und vor allem der Schmalzbedarf für die oft sehr große Familie samt dem Gesinde gedeckt werden. Eine Landwirtin aus der Südsteiermark erzählt:
Es hat geheißen, wenn die Sau beim Schlachten nicht genug Speck gehabt hat, ist die Bäuerin nicht tüchtig. So eine Sau hat ein paar hundert Kilo haben müssen!
Zur Zeit der Mästung, im Herbst, wurde nur das Beste, Erdäpfel, Türkenmehl, Hafermehl,
Weizenkleie, im Gebirge auch Roggen und Hafer, gekocht und verfüttert. In den letzten Adventtagen und vor Ostern wurde geschlachtet. Schon um das schwere Tier aus dem Stall zu
ziehen und es auf den Schlitten, auf dem es rücklings festgehalten werden musste, aufzulegen, wurde meist Nachbarschaftshilfe benötigt. Oft hörte man:
Die Sau hat recht geschrien, die hat gemerkt, dass sie dran ist!
Im Sautrog wird das Schwein mit Saupech eingerieben, mit heißem Wasser überbrüht, und dann werden mit einer Kette
alle Borsten entfernt. Auf diesem Bild passt der Hund Wodi gut auf das Schwein auf!
Familie Schwaiger aus Krieglach
Sanft ging so eine Schlachtung keineswegs vor sich. Ohne Betäubung wurde das Tier „gestochen“, etwa 30 Zentimeter drang das Messer vom Hals bis direkt ins Herz ein. Das Blut wurde aufgefangen und sogleich im kalten Wasser gerührt, damit es nicht stockte, denn daraus sollten später die Blutwurst und das Bluttommerl zubereitet werden. Anni Gamerith, die große steirische Volkskundlerin, schreibt, dass es lange der Brauch war, ein Kreuz auf die Stirn der geschlachteten Sau einzuritzen und in dieses Kreuz „Weihsalz“, am Stefanitag in der Kirche geweihtes Salz, einzustreuen. Im Sautrog wurde das Tier zuerst dick mit Kolophonium, dem Saupech, eingerieben, dann wurde es mit heißem Wasser übergossen, und darauf wurden alle Borsten mit einer Kette so gut wie möglich entfernt. Jetzt wurde die Sau aufgehängt oder auf einen „Schragen“ gelegt. Größere Tiere wurden meist „gehäutelt“, das heißt, die Haut wurde sauber mit breiten, kurzen Messern abgelöst und zu Sauleder verarbeitet. Saulederne Schuhe waren zwar weder warm noch wasserdicht, dennoch
wurde fast ausschließlich solches Schuhwerk getragen,
weil dieses Leder ausreichend zur Verfügung stand.
Nach dieser Prozedur wurden Kopf und Füße abgetrennt, überbrüht und gereinigt. Falls das Schlachten in die Faschingszeit fiel, musste man darauf achten, dass man den Sauschädel besser nie aus den Augen verlor, und ihn gut verstecken. Denn man wusste nie, ob nicht Nachbarsburschen um das Haus schlichen, um nach altem Brauch den Sauschädel zu stehlen. Gelang es ihnen dennoch, den Schädel unbemerkt davonzutragen, dann durften sich die Hausleute am Abend auf einen gehörigen Wirbel, den „Sauschädeltanz“, gefasst machen. Nun wurde das Tier aufgemacht, Gedärme und Innereien wurden herausgenommen. Zuerst wurde der Darm entfernt, dann der Magen, die Leber und die Lunge, alles in der richtigen Reihenfolge. Die Sau wurde halbiert und musste einen Tag und eine Nacht lang auskühlen. Inzwischen wurde ein gutes Beuschl gekocht, und Magen und Darm wurden gesäubert. Das Darmputzen war eine ungeliebte Tätigkeit, an der aber kein Weg vorbeiführte. Die feinen Därme mussten innen und außen geputzt werden, um sie später als Wursthaut verwenden zu können. Die dickeren Därme wurden ebenfalls gesäubert, dann aber gekocht und an
die Hühner verfüttert. Zuerst wurde die Speckseite weggeschnitten. Das meiste davon wurde eingesalzt und geräuchert, wie auch der Großteil des Fleisches, ein Teil der „Fettn“ wurde zu Grammeln und Schmalz verarbeitet. Wenn der Duft der frisch ausgelassenen Grammeln das Haus erfüllte, rief die Bäuerin zur Vormittagsjause: Frische, heiße, gesalzene Grammeln aus der „Rein“ mit Brot waren eine seltene Delikatesse! Monatelang war nur Geselchtes auf den Tisch gekommen, nun endlich gab es grünes, also frisches Fleisch. Ein guter Schweinsbraten, heiße Grammeln, frische Würstl, ein Beuschl – das waren die Köstlichkeiten eines Schlachttages. Auf diesen Tag freute man sich wie auf einen Festtag. Auch ein gutes Bluttommerl gab es nur an diesem besonderen Tag, mit den richtigen Gewürzen, mit Reis und frischen Grammeln ein Gedicht! Das restliche Fleisch wurde geselcht oder mancherorts auch in ein Fass eingelegt.
Verklärt die Erinnerung so manches, oder war der Speck früher wirklich besser? Ein Altbauer erinnert sich:
Wenn du den Speck in den Mund genommen hast, ist er zergangen, so zart war der! Die Schweine haben früher länger Zeit gehabt, sie haben langsam wachsen können. Dass die Sau so richtig fett geworden ist, dafür war die Bäuerin zuständig. Die Abfälle und die Erdäpfel, alles war für die Sau, und ein Gsott hat die Bäuerin auch noch für die Schweine gekocht. Im Sommer hat sie für die Sau extra ein ganz feines Futter gemäht, Saugras und Kleefutter. Und die Rübenplotschn hat auch die Sau gekriegt. Der Speck von so einer Sau, der hat gut geschmeckt, der ist dir auf der Zunge zergangen! Heute ist so ein Speck eine Rarität!
Ernte-Impressionen (von links): Hopfen in Leutschach (Familie Kozel), Kartoffeln in Oberzeiring (Familie Sudy), Obst in Puch bei Weiz (Familie Ilzer), Zwetschkenlieferung 1939 von Brodingberg bei Eggersdorf nach Graz (Familie Walch).
... und noch weitere Fotografien, Brauchtumshandlungen, Sprüche und Geschichten
warten im Buch auf Sie!
Viel Spaß beim Lesen, Schmökern, Bilderschauen!
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